Aussprachenorm und Ausspracheunterricht in der Schweiz

17. Dezember 2013

Dass sich die meisten Schweizer, wenn sie Hoch- bzw. Standarddeutsch sprechen, durch gewisse Aussprachemerkmale auszeichnen, ist wohl unbestritten. Weniger klar ist wohl den meisten, was die Aussprache des Schweizer Standarddeutsch genau ausmacht. Wer in der Schweiz mit im Handel verfügbarem Material Aussprache unterrichtet hat (seien es in Lehrbücher integrierte Übungen oder spezifische Aussprachematerialien), stand wohl auch schon vor dem Problem, dass der vermittelte Standard entweder nicht der eigenen Aussprache oder nicht der des sprachlichen Umfelds entspricht, auch wenn es erfreulicherweise auch Lehrbücher gibt, die die Schweiz (und Österreich) einbeziehen und Angaben zu dort gültigen Varianten machen, wie es zum Beispiel in den drei Bänden von Dimensionen geschieht

Letzten Endes muss man als Lehrperson immer selber entscheiden, welche phonetischen Themen man behandelt und ob das nur rezeptiv oder auch produktiv tut. Um mir und damit auch den Lesern meines Blogs einen Überblick darüber zu verschaffen, welche Konventionen im Moment für die Aussprache der Schweizer Standardsprache festgehalten sind, habe ich die entsprechenden Angaben des DAW (= Krech, Eva-Maria; Stock, Eberhard; Hirschfeld, Ursula et al. (2010): Deutsches Aussprachewörterbuch. Mit Beiträgen von Walter Haas, Ingrid Hove, Peter Wiesinger. Berlin.) zur Aussprache in der deutschsprachigen Schweiz durchgearbeitet. Alle folgenden Kapitelnummern bzw. Seitenzahlen beziehen sich auf dieses Buch.

Im Kapitel „C. 2 Aussprachehinweise für die deutschsprachige Schweiz“ (S. 261-277) werden Varianten aufgeführt, die im standardsprachlichen Repertoire gebildeter Deutschschweizer häufig vorkommen und die Verständlichkeit nicht beeinträchtigen, bzw. das phonetische System nicht verändern (S. 262). Ich habe die dort gemachten Angaben zur Schweizer Aussprache in drei Kategorien eingeteilt:

  1. Phänomene, zu denen in im Handel verfügbaren Aussprachematerialien Übungen angeboten werden, die in der Schweiz gar nicht, neben anderen Varianten oder anders realisiert werden.
  2. Phänomene, die in der Schweizer Aussprache vorkommen können, aber deren Realisierung nicht empfohlen wird, bzw. nicht zum  Standard gebildeter Sprecher gehören.
  3. weitere Phänomene, die für die Schweizer Aussprache typisch sein können, aber in keine der bisher genannten Kategorien fallen.

Im Folgenden konzentriere ich mich auf die Phänomene der ersten Gruppe. Das sind:

  • Glottisschlag vor anlautendem Vokal (= Vokal am Anfang einer Silbe). In der Schweiz fehlt der Glottisschlag (auch Knacklaut genannt), ausser wenn die Silbe sehr stark akzentuiert ist (2.2.1, S. 262). D. h. dass in der Schweiz nicht immer klar zwischen „im Moor“ und „im Ohr“unterschieden werden kann.
  • das Merkmal ungespannt bei kurzen Vokalen ist nicht obligatorisch, das heisst, dass man in der Schweiz zum Beispiel <e> in rennen auch wie eine kurze Version des langen, gespannten [eː] in lesen aussprechen kann oder das <o> in offen wie eine kurze Version des langen, gespannten [oː] wie in Boden. Die ungespannten, offenen Formen [ɛ] und [ɔ] sind selbstverständlich auch möglich, aber eben nicht nur (2.2.3, S. 262)
  • Im Bereich Diphthonge ist in Bezug auf den zweiten, schwächer betonten Vokal des Diphthongs eine grössere Aussprache-Variation möglich (2.2.5, S. 263).
  • Im Bereich Vokalquantität bestehen bei einigen Wörtern und Suffixen Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland (d.h. langer Vokal in Deutschland – kurzer Vokal in der Schweiz bzw. umgekehrt. (2.2.6, S. 263)
  • Die Auslautverhärtung (z.B. das <d> in Hund oder das <g> in möglich) kann nicht nur durch [p], [t], [k] realisiert werden, sondern auch durch die entstimmten Lenis-Plosive [b̥], [d̥], [g̊] (2.3.2, S. 265). Das betrifft auch die s-Laute (2.3.3, S. 265). Die Tatsache, dass all diese Laute „weich“ (also als Lenes), aber nicht stimmhaft gesprochen werden, signalisiert man im IPA übrigens normalerweise mit einem Kreis über bzw. über dem Plosivsymbol, ich weiss aber nicht, ob das von allen Browsern korrekt dargestellt werden kann).
  • Merkmal stimmhaft bei Lenes: Die progressive Stimmlosigkeitsassimilation führt dazu, dass Lenes (primär [b], [d], [g] und [z]) in stimmhafter Umgebung (z.B. nach einem Vokal oder einem Nasal wie in „von dir“) stimmhaft, in stimmloser Umgebung aber entstimmt gesprochen werden (zum Beispiel nach stimmlos gesprochenen Konsonanten wie [s] oder [t], z.B. in „nicht dir“). In der Schweiz ist die entstimmte Variante aber in allen Kontexten möglich (Belege siehe vorangehender Punkt).
  • Die R-Vokalisierung wird in der Schweiz in der Regel in der Regel nicht durchgeführt, das betrifft sowohl <r> nach langem Vokal als auch <r>  in Prä- und Suffixen wie erleben, vergessen, Vater, begeistert. Wenn nicht vokalisiert wird, wird das <e> in den unbetonten Präfixen als Schwa ([ə]) oder ungespanntes [ɛ] gesprochen, in den Suffixen als Schwa (2.3.4, S. 266 und 2.4.2 bzw. 2.4.5, S. 268).
  • Reduktion von unbetonten Silben: <e> in unbetonten Silben wird weniger stark reduziert als zum Beispiel im deutschen Standard. (2.43 bzw. 2.4.4, S. 268)
  • In der Buchstabenverbindung <qu> kann die zweite Komponente nicht nur als entstimmtes [v], sondern auch als nicht silbisches, kurzes [ʊ] gesprochen werden (2.3.7, S. 266)
  • Frikative Aussprache von <-ig> : In der Schweiz wird diese Silbe typischerweise als [ɪk] bzw. als [ɪg̊] (mit entstimmtem [g]) ausgesprochen.
  • Im Bereich Fremdwörter werden zum Beispiel die Endungen von Wörtern französischer Herkunft anders ausgesprochen als in Deutschland und in Fremdwörtern mit <v> kommen oft sowohl [f] als auch [v] vor (2.5.1, S. 269f. bzw. 2.3.8, S. 287). Es gibt aber auch viele Einzelfälle (2.5.2, S. 270).
  • Auch beim Wortakzent gibt es viele von der deutschen Kodifizierung abweichende Einzelfälle, die zum Teil auch innerhalb der Schweiz nicht einheitlich gehandhabt werden. Bei einigen Fremdwortsuffixen ist zum Beispiel sowohl die Betonung auf der ersten Silbe sowie die Akzentuierung des Suffixes möglich, wie zum Beispiel bei <-iv>, <-ismus>, <-ist> (2.6, S. 270f.)

In meinen Kursen fragen Lernende oft von sich aus nach der R-Vokalisierung, der Aussprache von <-ig> und der Stimmhaftigkeit der Lenes (insbesondere des s-Lauts). Themen, die den Lernenden selber auffallen, sind es meiner Meinung nach immer Wert, thematisiert zu werden, rezeptiv sowieso, da es sich um real existierende Aussprachevarianten handelt. Auch wer in der Schweiz lebt, wird mit der R-Vokalisierung konfrontiert und weil diese Person in der Schweiz lebt, wird sie auch mit nicht stimmhaft gesprochenen Lenes konfrontiert. Was den Bereich der Produktion betrifft, sollte man die persönliche Situation der Lernenden berücksichtigen. Eine Rolle spielen zum Beispiel Ausspracheschwierigkeiten, aber auch persönliche Vorlieben oder Lebenspläne. Wer vorhat, sein ganzes Leben in der Schweiz zu verbringen, trifft vielleicht eine andere Entscheidung, als jemand, der hier nur ein Austauschsemester macht und nachher woanders weiter Deutsch lernt. Es spricht meiner Ansicht nach aber nichts dagegen, im Klassenzimmer verschiedene Varianten nebeneinander zuzulassen. Einerseits ist es den Lernenden so möglich, die Aussprache zu finden, mit der sie am besten leben können und andererseits entspricht das Nebeneinanderexistieren von Varianten ja der „Welt da draussen“, auf die wir die Lernenden ja eigentlich vorbereiten wollen. Das gilt auch für die anderen oben angesprochenen Themen, die man aber sicher nicht alle einzeln thematisieren muss. Das Wissen darum lohnt sich aber, auch wenn das im Bereich Vokale und Wortakzent auch ganz einfach heissen kann, dass man z.B. im Variantenwörterbuch oder auch im Duden nachschlägt.

Wichtig ist mir festzuhalten, dass eine perfekte Aussprache nur für die wenigsten Lernenden nötig ist. Es ist wichtig, dass man überhaupt einen Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen erkennt, nicht dass die Unterscheidungsmerkmale hundertprozentig dem Standard entsprechen. Das Wissen darum, dass auch innerhalb Standards  Varianten existieren, kann Lernenden wie Lehrenden helfen, die Arbeit an der Aussprache entspannter und hoffentlich auch lustvoller anzugehen.

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  • 1. DaF-Blog » Schweize&hellip  |  8. März 2014 um 20:07

    [...] ist jetzt schon bald drei Monate her, seit ich einen Blog-Post über die Merkmale der Schweizer Standardsprache verfasst habe. Damals hatte ich Merkmale ausgeklammert, die zwar für Schweizer typisch sein [...]

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