Reise durch DACH für Anfänger

25. August 2012

In diesem Beitrag stelle ich ein Arbeitsblatt vor, das ich für einen A1-Kurs an der Uni erstellt habe und das schon ziemlich am Anfang (ca. in der der 4. oder 5. Woche eines Kurses mit 2-Wochenstunden) zum Einsatz kommt. Nach einer kurzen Beschreibung der Aufgabe spreche ich einige Prinzipien und Konzepte an, die mir bei der Gestaltung meines Unterrichts wichtig sind.

Beschreibung von Aufgaben

In Aufgabe I und II ordnen die Lernenden einige Begriffe in Partnerarbeit. Als Hilfsmittel stehen ihnen einige Fotos (auf dem Arbeitsblatt)  und Landkarten zu den deutschsprachigen Länder zur Verfügung, die im Raum aufgehängt sind. Dabei werden auch Vorwissen und Vorurteile der Lernenden aktiviert, die in Aufgabe III beim Lesen des Textes bestätigt oder wiederlegt werden. In Aufgabe V wird mit Hilfe von Wortmaterial aus der Aufgabe der Wortakzent thematisiert. Das Zählen von Silben in Aufgabe IV ist eine Vorübung dazu.

Tertiärsprachendidkatik
Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Spracherwerb von kleinen Kindern und dem von Jugendlichen und Erwachsenen ist das Vorwissen. Einerseits wissen die Jugendlichen und Erwachsenen viel über die Welt, was ihnen helfen kann, fehlende Informationen zu ergänzen. In der vorliegenden Übung helfen zum Beispiel allgemeine Geografie-Kenntnisse oder Kenntnisse über das Benutzen von Landkarten. Über die Geografischen Eigennamen lassen sich so auch Wörter wie Stadt und Fluss erschliessen. Andererseits haben sehr viele von ihnen auch schon ein beachtliches Wissen über Sprachen und das Lernen von Sprachen. Immmer häufiger wird Deutsch als zweite, dirtte oder sogar vierte Fremdsprache gelernt. Aus diesen Einsichten heraus hat sich in den letzten Jahren die Tertiärsprachendidaktik entwickelt. Eines ihrer wesentlichen Merkmale ist, dass man den Lernenden gerade rezeptiv mehr zutraut, weil man eben davon ausgeht, dass sie schon wissen, wie man eine Sprache lernt und sie – je nachdem, welche Fremdsprache(n) vorher gelernt wurde(n) – auch beim Wortschatz schon viele Anknüpfungen machen können. Die Lernsituation “Deutsch nach Englisch” trifft  auf eine sehr grosse Zahl von Lernenden zu, an Hochschulen ist das inzwischen sogar fast die Regel. Das bedeutet, dass die Lernenden viele Wörter, die im Deutschen und Englischen ähnlich klingen bzw. aussehen,  erraten oder zumindest einfacher behalten können.

Förderung von Lernerautonomie / Ressourcen der Lernenden nutzbar machen
Ein wesentliches Ziel des gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen (=GER) besteht darin, das lebenslange Lernen zu fördern. Damit Lernende nach ihren eigenen Bedürfnissen und auch ausserhalb von Kursen lernen können, brauchen sie unter anderem ein Repertoire an Lernstrategien. Auch die Erfahrung, in bzw. mit der Fremdsprache erfolgreich handeln zu können, ist sehr wichtig. Deshalb versuche ich, Anfänger schon früh die Erfahrung machen zu lassen, dass sie viel Deutsch verstehen oder zumindest viel erraten und erschliessen können. Es gibt einige Lernende, die von sich aus Verbindungen zu anderen ihnen bekannten Sprachen suchen oder ihr Weltwissen einsetzen, um sich die fremde Sprache zu erschliessen, aber vielen Lernenden hilft es, wenn man ihnen im Unterricht aktiv die Gelegenheit dazu gibt und zum Beispiel Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Sprachen thematisiert .

Die Aufgaben sind so angelegt, dass die Lernenden zum grössten Teil selbständig in Gruppen arbeiten können. In Teil der Diskussion wird nicht auf Deutsch stattfinden. Das ist nach wenigen Lektionen Deutsch nicht möglich. Man kann aber ein paar einfache Redemittel geben, so dass die Lernenden einiges – aber sich nicht alles auf Deutsch sagen können. Z.B.: “Das ist eine Stadt”, “das stimmt (nicht)”, “das ist typisch für” … Solange die Lernenden aber über das Material und die Texte sprechen  ist das Zuhilfenehmen einer anderen Sprache legitim, vor allem, wenn die Aufgabe (z.B. das Austauschen über die Lösungen, über Bedeutungen etc.) sonst (noch) nicht möglich wäre.

DACH(L)-Konzept
Deutsch ist eine plurizentrische Sprache. Die Standardvarietäten des Deutschen in der Schweiz, Österreich und Deutschland unterscheiden  sich voneinander zu einem gewissen Grad. In dieser Einheit geht es aber nicht darum, diese Unterschiede zu thematisieren, sonder vielmehr darum, dass Deutsch eben nicht nur in Deutschland gesprochen wird. Die landeskundlichen Inhalte  sind zugegebenermassen nicht besonders tiefgründig; die relativ bekannten Stereotype bzw. Fakten dienen vor allem der Vorentlastung.

Aussprache von Anfang an

Aussprache ist nicht nur für das Sprechen, sondern auch für das Hören wichtig. Deshalb versuche ich, Aussprache von Anfang an konsequent in meinen Unterricht zu integrieren. Ich greife dazu wenn immer möglich Material aus den aktuellen Einheiten  auf. Das kann auch den Nebeneffekt haben, dass Wörter noch einmal auf andere Weise aufgegriffen und gefestigt werden.  Aufgabe 4 und 5 kann man zum Beispiel mit diesen Wörtern durchführen:

beginnt, Berlin, Bodensee, Donau, Albert Einstein, Elbe, Fluss, Geschenk, Goethe, Matterhorn, Mozart, Komponist, Oktoberfest, Person, Produzent, Schokolade, sieht, Souvenir, Wien, Zürich

Viele davon gibt es auch auf Englisch, einige auch in anderen Sprachen, die Aussprache weicht aber zum Teil erheblich von der deutschen ab (gerade auch, aber nicht nur, beim Wortakzent).
Explizit thematisiert werden nur Silbenanzahl und Wortakzent, durch das mehrmalige Vorsprechen können den Lernenden aber natürlich auch noch andere Unterschiede auffallen, die man dann auch thematisieren kann.

 

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  • 1. Andrea Stangl  |  27. August 2012 um 07:06

    Ich habe eine bzw. zwei Fragen: Vertrittst Du das Prinzip, dass aus Gründen der Vereinfachung Wendungen vorkommen, die man eigentlich nicht sagt (z.B. “die Donau BEGINNT in D” – würde ich zumindest nie sagen).
    Bezogen auf die Landeskunde sehe ich Ähnliches: Ich persönlich (als Landeskundlerin) bin der Meinung, dass es auch auf niedrigem Sprachniveau keine Simplifzierungen geben darf, ich halte mich da an Nr. 6 der ABCD-Thesen. Du schreibst: “Die landeskundlichen Inhalte sind zugegebenermassen nicht besonders tiefgründig; die relativ bekannten Stereotype bzw. Fakten dienen vor allem der Vorentlastung.” Einverstanden. Aber vielfach sind die Inhalte ausschliesslich dem Sprachniveau unterworfen, d.h., wenig Sprache = wenig Inhalt und viel Simplifizierung. Damit werden Lernende oft auf das Reflexionsniveau von Kleinkindern herabgestuft – und das halte ich für bedenklich. Ein Beispiel aus der Lernunterlage für unseren (österreichischen) Staatsbürgerschaftstest, das ich immer wieder zitiere: “Derzeit gibt es auf der Welt 195 anerkannte Staaten, in denen mehr als 3000 Völker leben. Nicht jedes Volk kann einen eigenen Staat haben. Deshalb gibt es in vielen Ländern Minderheiten. Diese Minderheiten sprechen eine andere Sprache als das Staatsvolk und haben auch andere Sitten und Gebräuche.” Da wird erwachsenen Menschen “erklärt”, dass nicht jedes Volk seinen eigenen Staat haben kann, um das Wort “Minderheiten” sprachlich möglichst einfach zu definieren. (Ganz abgesehen davon, dass durch die hier vorgenommene Definition von “Staatsvolk”, die Minderheiten kurzerhand zu Nicht-Mitgliedern des Staatsvolks gemacht werden.)

    Ich stehe solchen vereinfachenden Ansätzen jedenfalls sehr kritisch gegenüber, wobei ich gestehe, dass ich für eine sprachlich heterogene Gruppe auch keine Patentlösung habe. In einsprachigen Klassen ist’s ja wenigstens möglich, gewisse Inhalte in der Muttersprache abzuhandeln. Aber auch das wird aus meiner Sicht viel zu wenig gemacht und propagiert.

    So weit meine Überlegungen. Würde mich interessieren, was Du dazu denkst.

  • 2. Cornelia  |  27. August 2012 um 12:24

    Liebe Andrea, vielen Dank für die Fragen. Ich werde sehr gerne darauf antworten, werde aber vermutlich erst in ein paar Tagen dazu kommen. Bis dann, Cornelia

  • 3. Cornelia  |  28. August 2012 um 07:54

    Liebe Andrea

    Nochmals danke für deinen Kommentar, ich antworte dir mal auf den ersten Teil der Frage. Bitte entschuldige die zeitbedingte Salamitaktik!

    Für mich war es sehr interessant, dass für dich „Die Donau beginnt in“ eine Wendung ist, „die man eigentlich nicht sagt“ und zwar deshalb, weil das für mich nicht so ist. Sie ist zwar deutlich unpräziser als „entspringt in“, für mich aber akzeptabel. Das liegt evtl. daran, dass ich in meinem Basisdialekt ohne weiteres sagen würde „D Donau fot in … aa und ich “anfangen” und “beginnen” eigentlich immer als komplett austauschbare Synonyme betrachtet habe. Klingt denn für dich „die Donau fängt in … an“ akzeptabler?

    Etwas verunsichert habe ich dann Google gefragt und mit dem String „die Donau beginnt in“ gesucht. Man findet nicht allzu viele Resultate (der Vergleichsstring „die Donau entspringt in“ bringt etwa fünf mal mehr Treffer) und zudem sind Belege für andere Konstruktionen wie „die Donau beginnt in orange und rot zu glühen“, „die Donau beginnt in Dunkelheit und Enge“ und auch einige Äusserungen, die nicht von Mutterspachlern stammen, darunter. Hier zwei Beispiele für den Suchstring:
    http://www.jokers.ch/3/15463795-1/buch/die-donau-aus-der-luft.html (Buchbesprechung)
    • Wir schauen uns die EU genauer an (Teil einer „Demokratie-Werkstatt für Kinder in Wien) http://www.google.ch/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=5&ved=0CEUQFjAE&url=http%3A%2F%2Fwww.demokratiewebstatt.at%2Fuploads%2Ftx_parlamentcalendar%2F2010%2F10%2F60352.pdf&ei=-mE8UNHbOtTO4QThoYCICQ&usg=AFQjCNFFK8fmdoGKOBXE1gjzm0yGJZKHqQ&sig2=XzhoK9MW7TqxhMEkml2BFg&cad=rja

    Als Stichprobe habe ich das selbe noch mal mit dem Rhein gemacht. Hier zwei Beispiele.
    http://programm.ard.de/Programm/Jetzt-im-TV/der-rhein/eid_284868419845357?list=main&first=1
    http://www.cosmotourist.de/reisen/d/i/3529/tab/2/t/graubuenden/tipps/

    Mein Fazit ist, es gibt Belege (ausser meinem Sprachgefühl, das sich aber natürlich täuschen kann) sie sind aber eher dünn gesät. Auffällig war auch, dass sich bei beiden Recherchen in den Top-Ten Äusserungen von Nichtmutterspachlern fanden. Allerdings habe ich in den Belegen oben „Fluss beginnt in X“-Sätze aus allen DACHL-Ländern gefunden (was nicht für einen Helvetismus spricht, die Datenlage ist aber zu dünn), alle Beispiele kann man aber wohl nicht zu einer hohen Stillage rechnen (und das entspricht ja auch meiner eingangs erwähnten Einschätzung).
    Als nächstes werde ich wohl noch ein paar Kollegen in meinem Umfeld fragen, wie sie die Akzeptabilität des Satzes einschätzen (Leser des Blogs dürfen sich auch sehr gerne äussern).

    Um zu deiner Ausgangsfrage: Ja, ich vereinfache (in A2 Kursen ganz deutlich weniger als für A1-Kurse in den ersten Wochen), aber dass „man das so sagen kann“ ist mir eigentlich schon sehr wichtig (siehe obige Recherche :-) ). Ob ich den Satz jetzt so lasse oder ihn vor dem nächsten Einsatz nochmal ändere, weiss ich jetzt aber noch nicht – auf jeden Fall werde ich den Text aber auch noch mal kritisch lesen. Für diesen Reflexionsanstoss vielen Dank. Austausch über Unterrichtsmaterial kommt im Alltag leider oft viel zu kurz.

    So viel erst mal dazu. Der zweiten Frage widme ich mich sobald wie möglich.

    Ganz liebe Grüsse

    Cornelia

  • 4. Cornelia  |  28. August 2012 um 07:59

    Das ARD-Beispiel übrigens streichen. Ich habe nicht genau genug gelesen. Deutsches Ersatzbeispiel: http://m.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.donaueschingen-eu-entscheidet-quellenstreit-zugunsten-donaueschingens.0147b3f2-ebdf-4152-a1b4-2f181a714716.html

  • 5. Andrea Stangl  |  28. August 2012 um 08:12

    Liebe Cornelia,

    danke für Deine ausführliche Antwort. Freilich habe ich mir – ganz im Gegensatz zu Dir (Schande über mich!) – nicht die Mühe einer Recherche bezgl. des “Entspringens”/”Beginnens” eines Flusses gemacht. Ich weiss nur, dass ich niemals sagen würde, dass ein Fluss irgendwo beginnt. Aber, dieses Beispiel einmal beiseite, habe ich anhand eines Lehrwerks von Hueber und der Diskussion mit den AutorInnen gesehen, dass es offensichtlich üblich ist, (vermeintliche) Vereinfachungen durch Vokabelaustausch vorzunehmen, auch wenn dann der Satz oder die Äusserung im Grunde unkorrekt wird. D.h., dass die Texte beinhart an die Wortschatzliste des jeweiligen Niveaus angeglichen werden und die stilistische Korrektheit wird aussen vor gelassen.
    Aber, ich bin – aus “egoistischen” Gründen – ohnehin mehr an der Diskussion zur landeskundlichen Bewältigung komplexer Inhalte auf niedrigem Sprachniveau interessiert.
    Würde mich freuen, hierzu auch die Meinung anderer KollegInnen zu lesen :-)

    Lieben Gruß aus Wien,
    Andrea

  • 6. Cornelia  |  28. August 2012 um 09:19

    Die informelle Umfrage in der Kaffeepause hat eine Korrelation zwischen Basisdialekt und Akzeptanz der Satzes ergeben. Oder weniger geschwollen ausgedrückt: Diejenigen, die in ihrem Dialekt so was ähnliches sagen wie ich, finden den Satz ok, die anderen eher nicht. Das spricht für eine Änderung.

  • 7. Karin Weisenstein  |  28. August 2012 um 13:43

    Hallo Cornelia und Kollegen

    Das ist eine interessante Diskussion bei euch; ich habe keinen muttersprachlichen Dialekt, in dem man “anfangen” oder “beginnen” sagt, würde beginnen aber immer als richtig, wenn auch einfach ansehen; und entspringen gehört einfach nicht ins A1-Niveau.
    Selbst wenn ein Muttersprachler das benutzen wütrde, würde ich mich nicht sehr wundern.

    Ich bin immer wieder begeistert von deinen Anregungen und habe jetzt schon etliche eigene Blätter mit Landeskunde auf niedrigem Niveau gemacht. Früher dacht ich, das ist zu kompliziert und wr ganz entsetzt, dass in “Deutsch in der Schweiz” schon in der ersten oder zweiten Lektion ein recht komplexer Text über die Schweiz stand. Aber ich habe meine TN unterschätzt, es hat gut geklappt.

    Viele Grüsse aus Mellingen,

    Karin
    (habe meinen Namen geändert, jetzt ist es kein Doppelname mehr)

  • 8. Cornelia  |  29. August 2012 um 18:50

    Liebe Andrea, liebe Karin

    Da bin ich wieder. Ich komme jetzt also zur zweiten Frage deines Kommentars, Andrea.
    Für Mitleser hier die Nr. 6 der ABCD-Thesen, die du erwähnt hast.

    „6. Landeskunde steht in engem Zusammenhang mit dem Spracherwerb. Rücksichtnahmen auf die eingeschränkte Sprachfähigkeit der Lernenden und die sprachliche Progression fordern didaktische Vereinfachung, dürfen aber nicht zu Simplifizierung, Verniedlichung, Vergröberung und Verzerrung führen.“ (IDV-Rundbrief, S.16).

    Im A-Niveau (primär auf A1, aber auch noch bei A2) ist Rücksichtnahme auf die eingeschränkte Sprachfähigkeit tatsächlich nötig. Wenn authentische Texte verwendet werden, kann das heissen, dass man mit der Aufgabenstellung nur bestimmte Bereiche auslotet, bzw. die Fragestellung so formuliert, das sie das Textverstehen lenkt und unterstützt, dass man Wortschatzerklärungen anbietet (z.B. in der Ausgangssprache, über die Wortbildung, mit Beispielsätzen), mit Fotos arbeitet etc. Die andere Möglichkeit besteht darin, Texte in einfacher Sprache selbst zu schreiben. Das ist das Verfahren, dass ich für die vorliegende Einheit gewählt habe (und indirekt auch ein Grund dafür, warum ich dieses Blatt veröffentlich habe und nicht andere, denn bei Materialien mit authentischen Texten ist die Veröffentlichung im Internet heikler). Ich glaube, dass es beides braucht. Nur vereinfachte Texte haben kein Fleisch am Knochen (bzw. Salz in der Suppe) und bereiten die Lernenden nicht auf die freie Wildbahn vor; mit ausschliesslich authentischen Texten ist es auf A1 kaum möglich, alle relevanten sprachlichen Situationen zu modellieren und vor allem nicht, Modelle für die eigene Sprachproduktion anzubieten, die den eigenen Kenntnissen gerecht werden.

    Einfach zu schreiben, so dass es nicht trivial oder falsch wird, ist allerdings nicht ganz einfach. Mein Lieblingsbeispiel für eine verunglückte sprachliche Vereinfachung ist „Ein Speer ist ein Pfeil, den man auf seine Feinde wirft“. Gesucht war eigentlich ein Beispielsatz, der den Gebrauch des Wortes illustriert und den Lernenden (DaZler Ende der Grundschule bzw. Anfang Sek. I) das Behalten des Wortes erleichtern sollte.

    Ich finde nicht grundsätzlich, dass man bestimmte Wörter auf einem Niveau nicht verwenden kann. Auch entspringen wäre für mich in einem A1-Text ok, sofern das Wort ausreichend kontextualisiert ist (z.B. durch Landkarten, die man hinzufügt, durch ein Bild, das den Anfang eines Flusses zeigt und mit einer entsprechenden Legende versehen ist, etc.). Ganz klar würde ich aber nicht von einer A1-Klasse verlangen, es zu lernen. Es gibt einfach zu wenig Kontexte, in denen sie das Wort am Anfang verwenden können. Einen authentischen Text, der entspringen enthält, würde ich also nicht allein deswegen ausschliessen. Die Unterscheidung zwischen Lernwortschatz und Wortschatz, der in einem bestimmten Kontext vorkommt (und in diesem im Idealfall leicht erschlossen werden kann – wird für mein Gefühl aber oft zu wenig deutlich gemacht. Dabei ist es im echten Leben ja auch so: Die Texte in der freien Wildbahn passen sich keinem Lernwortschatz an. Bestimmte themenspezifische Wörter sind aber leicht zu verstehen, wenn man weiss, worum es geht, obwohl man sie sonst nicht braucht und in dekontextualisierter Form auch nicht versteht.

    Kommen wir jetzt aber zu den Inhalten, auf die sich These Nr. 6 hauptsächlich bezieht und um die es dir ja primär geht.
    Die Infantilisierung von Lernenden, die du ansprichst, ist tatsächlich eine reale Gefahr. Auch Lehrpersonen und Lehrwerkautoren scheinen manchmal der Versuchung zu erliegen, Sprachkenntnisse mit kognitiven Fertigkeiten gleichzusetzen. In deinem Beispiel bestand das Problem aber vielleicht nur darin, dass die Autoren das Wort Minderheit im Text drin erklären wollten. In einer Fussnote oder einem Anhang hätte man wohl mehr Freiheit gehabt, mit Beispielen zu arbeiten. Denn das die Leute ein Konzept von „Minderheit“ haben, auf das man rekurrieren kann, ist wohl anzunehmen (selbst wenn sie das Wort nicht in ihre Muttersprache übersetzen können sollten). Texte von Leuten gegenlesen zu lassen, die nicht selber Deutsch unterrichten, aber vom behandelten Thema halbwegs eine Ahnung haben, hilft, solche Stellen zu bemerken und gegebenenfalls auszumerzen.

    Was die Verwendung der Muttersprache betrifft, so hat man beim Unterrichten in den deutschsprachigen Ländern halt oft das Problem, das Lehrer und Lernende, aber auch die Lernenden unter einander oft keine gemeinsame Sprache haben. Ich bin in der glücklichen Situation, dass bei mir Englisch meistens funktioniert, weshalb ich es punktuell einsetzen kann, um eine Reflexionsphase über etwas einzuschieben, dass sie zwar verstehen, aber nicht ausdrücken können.

    Im A1-Bereich (wobei ich schon ewig keinen A1.2-Kurs mehr unterrichtet habe und mich also nur auf den Anfang dieses Niveaus beziehe) kommt bei mir Landeskundliches in folgenden Funktionen / Aspekten vor:
    • Plurizentrisches: Aussprachevarianten (z.b. Abkürzungen, ig-Endung, R-Aussprache, raten, aus welchem DACH-Land ein Sprecher kommt …), Lexikalisches (z.B. das/ die Tram bzw. Strassenbahn), Eszett oder nicht, …
    • Vergleiche zwischen (DA)CH und Herkunftsland (was isst man wo zum Frühstück, Gesten (was bedeuten sie in DACH und was woanders), Orginalumfragen ausfüllen (wenn sie einfach genug sind) und Antworten der Klasse den Orginalantworten gegenüberstellen, typisches Wetter vergleichen …)
    • Fakten bzw. Informationen über die deutschsprachigen Länder bzw. die deutsche Sprache (als HV, LV, …)

    Häufig nehme ich Inhalte, die den Lernenden zu einem guten Teil schon vertraut sind, so dass ein gewisser Entlastungseffekt entsteht. Es geht dann eher darum, sprachlich zu verstehen, was man grösstenteils schon weiss. Die Landeskunde ist dann eher das Vehikel für sprachliche Arbeit als Reflexionsgegenstand (das muss sich aber nicht grundsätzlich ausschliessen, vor allem, wenn man im Notfall eine gemeinsame Hilfssprache hat). Wichtig ist aber schon, dass einerseits nicht alles selbstverständlich und trivial ist (sonst interessiert es verständlicherweise niemanden) andererseits muss es auch klappen, wenn man so gut wie gar kein Vorwissen zu den deutschsprachigen Ländern hat (in meinen Kursen sitzen Italiener, Niederländer, Chinesen, Inder und Russen nebeneinander).

    Für mich sind A2-Kurse der Ort, wo man (mit ensprechendem Zeitaufwand) anfangen kann, einigermassen komplexe Themen auf inhaltlich und sprachlich befriedigende Weise zu behandeln. (Zum Beispiel die Frage, warum die Schweiz stolz auf ihre Demokratie ist, obwohl den Frauen die politische Partizipation erst seit 1971 (und in gewissen Bereichen erst seit den 90er Jahren) möglich ist.) Spannend ist vor allem, dass die Lernenden auf diesem Niveau doch schon einiges selber mitteilen können, dass man dann einbeziehen kann.

    So. Jetzt sind die Kommentare wohl einiges länger als der Artikel, aber sei’s drum. :-) Ich habe den Verdacht, etwas an deiner Frage vorbeigeschrieben zu haben. Ich bin aber auf jeden Fall auf Reaktionen von dir und anderen gespannt.

    Liebe Grüsse

    Cornelia

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