{"id":2125,"date":"2010-10-22T07:31:29","date_gmt":"2010-10-22T06:31:29","guid":{"rendered":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/?p=2125"},"modified":"2010-10-22T16:03:05","modified_gmt":"2010-10-22T15:03:05","slug":"untersuchungen-zur-rezeptiven-grammatik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/2010\/10\/22\/untersuchungen-zur-rezeptiven-grammatik","title":{"rendered":"Untersuchungen zur rezeptiven Grammatik"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man \u00fcber die deutsche Grammatik spricht, geht es meistens sehr schnell darum, was alles &#8222;schwierig&#8220; daran ist. Meistens wird aber nicht genauer drauf eingegangen, ob die betreffenden Strukturen und Ph\u00e4nomene nur beim Produzieren oder auch beim Verstehen von Sprache Schwierigkeiten bereiten.<\/p>\n<p>Am Departement f\u00fcr Mehrsprachigkeits- und Fremdsprachenforschung der Universit\u00e4t Fribourg (CH) wird im Moment im Bereich der rezeptiven Grammatik geforscht. In diesem Beitrag fasse ich Teile eines Artikels von Irmtraud Kaiser und Elisabeth Peyer zusammen (genaue Angaben siehe unten), die mit Hilfe eines Lesetests und einer m\u00fcndlichen \u00dcbersetzungsaufgabe kombiniert mit lautem Denken einige grammatische Strukturen daraufhin untersucht haben, ob sie zu Verstehensproblemen f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Autorinnen haben Deutschlernenden (A1-C1) mit italienischer und franz\u00f6sischer Muttersprache Lexikonartikel zu den imagin\u00e4ren Tieren &#8222;Humpfhorn&#8220; und &#8222;Flundodil&#8220; vorgelegt. Damit sie Wortschatzprobleme so weit wie m\u00f6glich kontrollieren konnten, haben sie die Texte mit Interlinearglossen in Franz\u00f6sisch und Italienisch versehen (unter den Inhaltsw\u00f6rtern stand also jeweils eine \u00dcbersetzung). Auch die Fragen und Antworten zum Leseverstehenstest waren in der L1 (=Erstsprache) der Probanden formuliert bzw. durften in diesen Sprachen gegeben werden. So wurden bei den Fragen und Antworten Verstehens- bzw. Formulierungsprobleme (die ja die Richigkeit der L\u00f6sung beeinflussen k\u00f6nnten) weitgehend ausgeschlossen (S. 50-51).<\/p>\n<p>Die Lexikonartikel existierten in verschiedenen Versionen. Jeder Satz wurde mit zwei verschiedenen Strukturen umgesetzt, also zum Beispiel einmal mit einem Linksattribut und einmal mit einem Relativsatz. Dem Satz &#8222;Fundodile fressen zum Beispiel die kleinen, sich in der N\u00e4he von S\u00fcrmen aufhaltenden Grefen (Linksattribut) entspricht so der Satz &#8222;Flundodile fressen zum Beispiel die kleinen Grefen, die sich in der N\u00e4he von S\u00fcrmen aufhalten&#8220; (S. 56). Dieses Verfahren erlaubt, die relative Schwierigkeit von S\u00e4tzen zu ermitteln. Die Untersuchung zeigte, dass einige der Strukturen, die in der Muttersprache der Probanden nicht vorkommen, f\u00fcr diese tats\u00e4chlich schwieriger zu verstehen sind (zum Beispiel das erw\u00e4hnte Linksattribut oder S\u00e4tze mit dem Objekt in der ersten Position vor dem Verb (OVS-Struktur)), aber l\u00e4ngst nicht alle. Die Verbklammer bereitet (zumindest beim Lesen) keine Verst\u00e4ndnisprobleme (S. 54f.). Eine \u00dcbersicht der untersuchten Strukturen findet ihr auf Seite 52. <\/p>\n<p>Die Details k\u00f6nnt ihr selber im Beitrag nachlesen. Ich fand vor allem auch die Erkl\u00e4rungen zum Forschungsdesign &#8211; insbesondere das Zusammenspiel zwischen quantitativer und qualitativer Methode &#8211; interessant. Wenn es euch auch interessiert, wie wissenschaftliche Aussagen im Bereich Fremdsprachen zustande kommen, kann ich diesen Artikel nur empfehlen. Sehr wichtig finde ich auch, dass er wieder ins Bewusstsein r\u00fcckt, das Produktion und Rezeption auch im Bereich Grammatik nicht dasselbe sind. Ich habe das Gef\u00fchl, dass immer noch oft eine Struktur eingef\u00fchrt wird, die dann innerhalb einer kurzen Zeitspanne zu Tode ge\u00fcbt wird, obwohl die Lernenden die Struktur entweder bereits l\u00e4ngst verstanden haben oder zum produktiven erlernen schlicht mehr Zeit brauchen w\u00fcrden. <\/p>\n<p><strong>Angaben zum Artike<\/strong>l<\/p>\n<p>Peyer, Elisabeth, Kaiser, Irmtraud: Von Humpfh\u00f6rnern und Flundodilen: Pseudo-Lexikonartikel zum Testen der rezeptiven Schwierigkeit grammatischer Strukturen. In: <a href=\"http:\/\/www.vals-asla.ch\/cms\/de\/bulletin\/thematiques.html\">Bulletin suisse de linguistique appliqu\u00e9e<\/a>, Nr. 91 (2010), S. 47-66.<\/p>\n<p>Die Nummer 91 hat den Titel &#8222;Travaux de jeunes chercheurs-e-es en linguistique appliqu\u00e9e&#8220; und wurde von Alexandre Duch\u00eane und Miriam A. Locher herausgegeben (Herunterladen k\u00f6nnt ihr sie, wenn ihr auf &#8222;Nr. 91&#8220; klickt). Der Beitrag von Kaiser und Peyer hat einen kurzen englischen Abstrakt und ist ansonsten auf Deutsch geschrieben. Die italienischen und franz\u00f6sischen Beispiele sind \u00fcbersetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man \u00fcber die deutsche Grammatik spricht, geht es meistens sehr schnell darum, was alles &#8222;schwierig&#8220; daran ist. Meistens wird aber nicht genauer drauf eingegangen, ob die betreffenden Strukturen und Ph\u00e4nomene nur beim Produzieren oder auch beim Verstehen von Sprache Schwierigkeiten bereiten.<\/p>\n<p>Am Departement f\u00fcr Mehrsprachigkeits- und Fremdsprachenforschung der Universit\u00e4t Fribourg (CH) wird im Moment im Bereich der rezeptiven Grammatik geforscht. 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