{"id":763,"date":"2009-05-01T07:57:50","date_gmt":"2009-05-01T06:57:50","guid":{"rendered":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/?p=763"},"modified":"2009-09-14T11:29:52","modified_gmt":"2009-09-14T10:29:52","slug":"uberlegungen-zur-digs-studie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/2009\/05\/01\/uberlegungen-zur-digs-studie","title":{"rendered":"\u00dcberlegungen zur DiGS-Studie"},"content":{"rendered":"<p>Gestern habe ich eine<a href=\"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/2009\/04\/30\/digs-studie-was-nutzt-grammatikunterricht\"> Studie zum Verh\u00e4ltnis zwischen Grammatikinstruktion und Grammtikerwerb <\/a>vorgestellt. Beim Lesen haben sich mir einige Fragen gestellt und ich habe mir auch \u00fcberlegt, was die Ergebnisse f\u00fcr meinen Unterricht bedeuten.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse der Studie finde ich nachvollziehbar und vieles deckt sich auch mit meinen eigenen subjektiven Eindr\u00fccken, aber mit der Umsetzung im Unterricht klappt es noch nicht immer so richtig. Vor allem beim <strong>Korrigieren<\/strong> von Texten f\u00e4llt es mir schwer, Fehler stehen zu lassen. Das betrifft vor allem morphologische Fehler (also Konjugations und Deklinationsformen). Bei der Syntax f\u00e4llt es mir leichter, da ja &#8211; je nach Sprachregister &#8211; die Varianz gr\u00f6sser ist. Wenn das Verb mal steht, wo es hinsoll, ist der Spielraum viel gr\u00f6sser, als die oft vermittelte Tekamolo-Regel vermuten l\u00e4sst. Aber wenn das Produkt einer Aufgabe P nicht nur Lehrperson und Autor etwas angeht, sondern sich zum Beispiel an ein gr\u00f6sseres Publikum richtet &#8211; zum Beispiel die Klasse oder eine gr\u00f6ssere \u00d6ffentlichkeit &#8211; habe ich &#8211; und auch meine Sch\u00fcler &#8211; das Bed\u00fcrfnis nach mehr Korrektheit und Korrektur. Dass es wenig Sinn macht, die Texte auf muttersprachliches Nivau zu korrigieren und jeden Fehler zu markieren, scheint mir aber trotzdem sehr klar. Die Lernenden sehen vor lauter Fehlern den Text nicht mehr und erleben ein Versagen, obwohl sie die beachtliche Leistung erbracht haben, etwas auf Papier zu bringen, was man versteht.<\/p>\n<p>Ich l\u00f6se das Dilemma h\u00e4ufig so, dass ich Fehler stillschweigend korrigiere. Ich lege mich auf einige wenige Fehlertypen fest (zum Beispiel Verbzweitstellung) die ich markiere. Dasselbe gilt f\u00fcr Stellen, die inhaltlich nicht klar sind, denn die Verst\u00e4ndlichkeit scheint mir wichtiger als\u00a0 die Korrektheit. Den Rest korrigiere ich (wenn irgend m\u00f6glich) m\u00f6glichst behutsam (es soll der Text der Lernenden bleiben) und unauff\u00e4llig selbst . Das geht am besten, wenn ich den Text elektronisch vorliegen habe, was ja gerade bei Projekten h\u00e4ufig der Fall ist. Die Korrekturschwerpunkte will ich aber auf jeden Fall nochmal \u00fcberdenken. In einem Kurs zwischen A2 und B1 habe ich auch schon Wechselpr\u00e4pos als Schwerpunkt gew\u00e4hlt (weil die vorher behandelt wurden), aber das scheint mir im Licht dieser Studie jetzt eher weniger sinnvoll.<\/p>\n<p>Noch nicht klar ist mir, welche Rolle <strong>explizites Grammatikwissen bei der \u00dcberarbeitung von Texten<\/strong> haben kann. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass explizites Grammatikwissen &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; beim Schreiben eine Rolle spielen kann, allerdings nicht w\u00e4hrend des eigentlichen Produktionsprozesses, sondern beim anschliessenden \u00dcberarbeiten, wenn man sich haupts\u00e4chlich auf die Form konzentrieren kann. Die Studie scheint sich mit diesem Aspekt nicht besch\u00e4ftigt zu haben (die Langfassung habe ich ja aber eben (noch) nicht gelesen).\u00a0 Strategien zum Verbessern ihrer eigenen Texte w\u00e4ren f\u00fcr viele Lernende wichtig, da sie nicht immer jemanden haben, der ihre Texte korrigieren kann. Falls jemand Studien dazu kennt, w\u00fcrden mich die interessieren. Vielleicht sind aber alternative (zum Beispiel korpusbasierte) Ans\u00e4tze\u00a0 sinnvoller.<\/p>\n<p>Ebenfalls interessant finde ich die <strong>Rolle von Grammatikvermittlung f\u00fcr die Rezeption<\/strong>. Wenn man das Postulat im Unterricht m\u00f6glichst von Anfang an mit authentischen Materialien zu arbeiten ernstnimmt, dann stolpern die Lernenden schon sehr fr\u00fch \u00fcber Grammatikph\u00e4nomene, die sie produktiv erst viel, viel sp\u00e4ter anwenden werden.\u00a0 Im Bereich der Verbalmorphologie ist es zum Beispiel das Pr\u00e4teritum, das beim Lesen authentischer Texte sehr viel fr\u00fcher gebraucht wird als bei der m\u00fcndlichen Produktion. Die Lernenden sollten meiner Meinung nach also relativ fr\u00fch eine Hilfe erhalten, um mit dem Pr\u00e4teritum umzugehen, ohne dass es aber schon gedrillt wird oder produktiv einge\u00fcbt wird. F\u00fcr das Leseverst\u00e4ndnis gen\u00fcgt es eigentlich schon, wenn man ein Tool wie Canoo einf\u00fchrt und ganz kurz auf die Bedeutung (ist in der Vergangenheit passiert) eingeht. Das heisst dann aber auch, das Grammatikthemen mehrmals unter unterschiedlichen Vorzeichen auftauchen sollten. Das &#8222;Spiralcurriculum&#8220; ist keine allzuneue Forderung, in den Lehrwerken meiner Meinung nach aber noch nicht unbedingt Alltag (vielleicht t\u00e4uscht mich da aber auch mein subjektiver Eindruck, ich habe das jetzt nicht genauer analysiert).<\/p>\n<p>Wenn man jetzt die Besch\u00e4ftigung mit Grammatikph\u00e4nomenen verst\u00e4rkt mit den nat\u00fcrlichen Erwerbssequenzen verzahnen will, stellt sich f\u00fcr mich die Frage, wie das in sprachlich heterogenen Klassen aussieht. Ich lese die Studie so, dass zumindest Teile der Grammatikprogression von der <strong>Ausgangssprache<\/strong> abh\u00e4ngig sind. Dass das Kasussystem generell erst vergleichsweise sp\u00e4t erworben wird, scheint mir einleuchtend und auch das sp\u00e4te Auftauchen des Pr\u00e4teritums (damit meine ich \u00dcbungen zur Anwedung, nicht das erscheinen in Texten) macht kommunikativ Sinn, da es ja eher in stark schriftlich gepr\u00e4gten Texten auftaucht und die stehen am Anfang eher nicht auf dem Schreibprogramm, sondern eher m\u00fcndlich gepr\u00e4gtere Fromen wie Briefe, stark pers\u00f6nliche Erlbenisberichte und Notizen. Mehr Details zu diesem Thema w\u00fcrden mich sehr interessieren. Falls mir jemand andere Studien zur Grammatikprogression in Deutsch mit anderen Ausgangsssprachen nennen kann, w\u00fcrde mich das sehr freuen.<\/p>\n<p>Wenn ich Texte <strong>bewerten<\/strong> muss, vergebe ich immer auch Punkte f\u00fcr das sprachliche Risiko, das jemand eingeht. Wie Erika Diehl darlegt, kommen korrekte Texte auf den unteren Spracherwerbsstufen durch den Einsatz von Chunks, durch Zufall (Akkusativ und Nominativ sind identisch und man sieht nicht, dass kein Konzept f\u00fcr Objektskasus vorhanden ist) und durch Vermeidungsstrategien zustande und gerade letzteres will ich in meinem Unterricht nicht f\u00f6rdern. Ich habe auch schon Lernende eigene Korrekturschwerpunkte setzen lassen, die ich dann bewertet habe, aber das Aushandeln sinnvoller Korrekturschwerpunkte und die anschliessende individuelle Korrektur ist ziemlich aufwendig. Dass Echo der Lernenden war positiv, da unsere Kurse aber immer nur ein Semester daueren, ist es f\u00fcr mich nicht m\u00f6glich zu belegen, dass das Verfahren wirklich bessere Resultate bringt als herk\u00f6mmliche Korrektur. Ich selbst bin aber \u00fcberzeugt davon.<\/p>\n<p>Durch die Bewertungskriterien (die die Lernenden vor dem Schreiben bekommen), lege ich zudem viel Gewicht auf den Inhalt und die Verst\u00e4ndlichkeit und verst\u00e4ndlich ist ein Text ja auch, wenn das Verb sich nicht an Position zwei befindet. Das hatte bis jetzt die erfreuliche Auswirkung, dass die Lernenden sich st\u00e4rker drauf konzentrieren, <strong>was<\/strong> sie sagen wollen, statt auf das <strong>wie<\/strong> und die Texte besser gemacht. Allerdings eignen sich solche Texte weniger gut als Selektionsinsturment (die Schere zwischen den einzelnen Lernenden wird in meinen Klassen, wo die meisten einen \u00e4hnlichen Bildungshintergrund haben, kleiner), aber das nehme ich noch so gern in Kauf.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde mich sehr freuen, zu h\u00f6ren was ihr denkt. Sch\u00f6nen ersten Mai w\u00fcnscht Cornelia.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Beitrag findet ihr meine subjektiven \u00dcberlegungen zur DiGS-Studie.<\/p>\n","protected":false},"author":24,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[187,36,159,11,3,181],"tags":[28,29,174,370,114,72,182,162,145],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/763"}],"collection":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/24"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=763"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/763\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1434,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/763\/revisions\/1434"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=763"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=763"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=763"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}