{"id":740,"date":"2009-04-26T17:06:31","date_gmt":"2009-04-26T16:06:31","guid":{"rendered":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/?p=740"},"modified":"2009-09-13T20:14:16","modified_gmt":"2009-09-13T19:14:16","slug":"daf-buch-aktion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/2009\/04\/26\/daf-buch-aktion","title":{"rendered":"DaF-Buch-Aktion"},"content":{"rendered":"<p>Ich wurde letzte Woche gebeten, \u00fcber eine Buchaktion zu schreiben. Der Achtung-Verlag verschenkt bis am 30. April insgesamt 25&#8217;000 Exemplare eines neuen Lehrmittels namens &#8222;Achtung Deutsch A1&#8220;. Die H\u00f6rtexte dazu sollen nach Erscheinen des Lehrbuches (im August 2009) auf der Webseite verf\u00fcgbar sein, ebenfalls wird Zusatzmaterial in Aussicht gestellt.<\/p>\n<p>Dieses Geschenk wird mit <a href=\"http:\/\/www.achtung-verlag.com\/deutschAngebote.aspx\">Werbung<\/a> finanziert. Zwischen den einzelnen Kapiteln k\u00f6nnen Sprachschulen und andere Interessierte Werbeanzeigen schalten. Den potentiellen Werbekunden wird versprochen, dass die Werbung im Lehrmittel l\u00e4nger wirke als z.B. in Zeitungen (ich werde morgen nicht weggeworfen) und dass die im\u00a0 Lehrmittel plazierte Werbung nicht nur den Lernenden selbst, sondern auch sein Umfeld erreiche. Das Lehrmittel ist also nicht wirklich gratis, sondern die Kosten werden anders aufgebraucht als herk\u00f6mmlich, gegen alternative Finanzierungsmodelle ist aber nichts einzuwenden.<\/p>\n<p><strong>Konzept<\/strong><\/p>\n<p>Nach Aussage des Verlags geht das Team von Achtung Deutsch\u00a0 &#8222;aufgeschlossen, kreativ und unkonventionell an die Problemstellungen des Fremdsprachenunterrichts heran und bietet neue, moderne und wissenschaftlich fundierte L\u00f6sungswege.&#8220; Weiter heisst es an anderer Stelle, dass das Lehrwerk nach den Richtlinien des <a href=\"http:\/\/www.goethe.de\/z\/50\/commeuro\/\">gemeinsamen europ\u00e4ischen Referenzrahmens<\/a> (GER) erstellt worden sei.<\/p>\n<p>All das klingt sehr gut und hat mich neugierig gemacht. Auf der Webseite des Verlages gibt es einen <a href=\"http:\/\/www.achtung-verlag.com\/deutschBuch.aspx\">virtuellen Vorabdruck<\/a> zum Anschauen.  Im Folgenden findet ihr meine (subjektiv gepr\u00e4gte) Analyse davon:<\/p>\n<p><strong>formale Beschreibung:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>12 Kapitel auf 288 Seiten im Vierfarbendruck<\/li>\n<li>ins Kursbuch integrierte \u00dcbungen mit L\u00f6sungsschl\u00fcssel am Schluss<\/li>\n<li>Auszeichnung der einzelnen Teile: Grammatik und Redemittel sind in farbigen K\u00e4sten hervogehoben, ausgezeichnet werden zudem H\u00f6r- und Lesetexte, Aktivit\u00e4ten zum Sprechen und Schreiben und \u00dcbungen. Grammatik\u00fcbungen werden speziell gekennzeichnet.<\/li>\n<li>Am Ende jeder Lektion gibt es ein Vokabelglossar und eine Liste der behandelten Redemittel.<\/li>\n<li>Eine Grammatik\u00fcbersicht (inkl. Liste unregelm\u00e4ssiger Verben) findet man am Ende des Buches<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Kritik<\/strong><\/p>\n<p>Die Themen decken sich mit denen der meisten Anf\u00e4ngerlehrwerke und denjenigen Themenbereichen, die man aus den Kann-Deskriptoren des Referenzrahmens ablesen kann. Auch die Grammatik entspricht dem, was auf dem Niveau A1 \u00fcblicherweise vermitelt wird und bei der Progression legt sich &#8211; soweit ich mich erinnere &#8211; auch Profile Deutsch nicht fest und es sind verschiedene Abfolgen denkbar. Die starke Betonung von Redemitteln passt gut zum Nivau A1, wo noch viel \u00fcber Chunks und Routinen l\u00e4uft.<br \/>\nIm folgenden schaue ich ein paar Punkte, die mir beim Erstellen und Ausw\u00e4hlen von Lernmaterialien wichtig sind, etwas genauer an.<\/p>\n<ul>\n<li>Aussprache: \u00dcbungen zur Aussprache (sowohl auf Laut- als auch auf Wort und Satzebene) und Aussprachehilfen (zum Beispiel Akzentmarkierungen im Vokabelglossar)\u00a0 fehlen ganz. Dies steht im Gegensatz von so gut wie allen neueren anderen Lehrwerken und ist f\u00fcr mich ein grosses Manko.<\/li>\n<li>Orientierung am Referenzrahmen\n<ul>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Handlungsorientierientierung und kommunikative Aufgaben:<\/span> Ich habe oft das Gef\u00fchl, dass der Referenzrahmen mit den Kann-Deskriptoren gleichgesetzt wird, aber dahinter steckt noch viel mehr. Zum Beispiel ist der Referenzrahmen einem <a href=\"http:\/\/www.goethe.de\/z\/50\/commeuro\/201.htm\">handlungsorientierten Ansatz<\/a> verpflichtet<span style=\"font-size: x-small; font-family: arial;\">. <\/span>Dabei sind <a href=\"http:\/\/www.goethe.de\/z\/50\/commeuro\/701.htm\">kommunikative Aufgaben<\/a> sehr wichtig. Bei einer kommunikativen Aufgabe steht am Ende immer ein Ergebnis oder Ziel, das die Lernenden erreichen wollen. Dabei setzen sie die ihnen zur Verf\u00fcgung stehenden Strategien und Wissensbest\u00e4nde gezielt ein. Diese Strategien m\u00fcssen nicht immer sprachlicher Natur sein, das ist ja auch im realen Leben nicht so. In der B\u00e4ckerei kann man ja auch einfach auf das Br\u00f6tchen zeigen, dass man m\u00f6chte, man kann zus\u00e4tzlich noch was dazu sagen (z.B. &#8222;Das da, bitte&#8220;) oder auch alles m\u00fcndlich erledigen &#8222;Ich h\u00e4tte gern ein helles Br\u00f6tchen mit Sonnenblumenkernen).\u00a0 Dass es kommunikative Aufgaben nicht nur f\u00fcr m\u00fcndliche Fertigkeiten sondern nat\u00fcrlich auf f\u00fcr schriftliche gibt und oft mehrere Fertigkeiten kombiniert werden, wird schnell klar, wenn man sich \u00fcberlegt, was es alles f\u00fcr m\u00f6gliche Ziele und Situationen gibt, die mit Sprachgebrauch verbunden sind: man m\u00f6chte zum Beispiel Informationen \u00fcber ein Thema bekommen (Zeitung lesen, fernsehen, Radio h\u00f6ren, Nachbarn fragen, im Lexikon nachschlagen), sich unterhalten lassen, jemanden \u00fcber etwas informieren, etwas zum Essen kaufen, weil man Hunger hat etc.<br \/>\nDialoge als einfache Rollenspiele sind sicher eine wichtige Form kommunikativer Aufgaben, aber sie sind nicht genug. Im vorliegend Lehrmittel gibt es mir zu wenige verschiedene Aufgabetypen: zum Beispiel fehlen Projekte (zum Beispiel zur Informationsbeschaffung oder zum interkulturellen Austausch) und \u00fcberhaupt \u00fcberwiegend eng gelenkte \u00dcbungen, die eher Wortschatz und Grammatik umw\u00e4lzen als auf eine erfolgreiche Sprachhandlung ausgerichtet sind. Solche \u00dcbungen braucht es aber nat\u00fcrlich auch.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Authentisches Material:<\/span> Kommunikative Aufgaben sollen sich m\u00f6glichst an realen Sprachgebrauch orientieren und damit geht auch die Fordeurng nach authentischen (oder zu mindest semi-autentischen) Materialien einher. Das Angebot ist ausschliesslich semi-authentisch. Das finde ich sehr schade (wenn auch nachvollziebar). Dass authentische Materialien auch f\u00fcr Anf\u00e4gner m\u00f6glich sind, zeigt zum Beispiel das Lehrmittel Dimensionen. Wie m\u00fchsam die ganze Rechte-Geschichte ist, weiss ich allerdings auch.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Lernerautonomie: <\/span>Der Autonomiegedanke hat bei der Geburt des Referenzrahmens gleichsam Pate gestanden, da man das lebenslange Lernen mit dem Ziel der europ\u00e4ischen Mehrsprachigkeit f\u00f6rdern wollte. Im Unterricht kann das heissen, dass die Lernenden wissen wie und was sie mit einer Aufgabe oder \u00dcbung lernen, dass sie die Lerninhalte und Methoden mitbestimmen k\u00f6nnen und das \u00fcber das Lernen und verschiedene Strategien reflektiert wird.<br \/>\nIm Lehrmittel fehlen mir aber wichtige Elemente, die die Autonomie der Lernenden f\u00f6rdern. Zum Beispiel gibt es keine Wahlangebote und die Lernziele werden f\u00fcr die Lernenden innerhalb der einzelnen Aufgaben eher nicht transparent. Auch die Aufgabenformulierung ist nicht immer ideal. In der ersten Lektion heisst es zum Beispiel in \u00dcbung neun: &#8222;Was geh\u00f6rt gross geschrieben&#8220;. Diese Formulierung finde ich f\u00fcr ein Anf\u00e4ngerlehrwerk ungl\u00fccklich. Sie ist nicht hochfrequent und grammatisch komplex. Eine Formulierung wie &#8222;Was schreibt man gross?&#8220; ist sehr viel durchschaubarer und bietet den Lernenden die Gelegenheit, das Verb schreiben in einem kommunikativen Kontext (jemand sagt mir, was ich machen soll) anzutreffen.<br \/>\nEin Plus k\u00f6nnte hingegen sein, dass die H\u00f6rtexte \u00fcber die Homepage heruntergeladen werden sollen. Es ist aber mir nicht ganz klar, ob das <a href=\"http:\/\/www.achtung-verlag.com\/deutschPartner.aspx\">Passwort<\/a> nur den Sprachschulen zur Verf\u00fcgung stehen wird, oder ob es auch an die Lernenden weitergegeben werden darf. Denn dann k\u00f6nnten sie zuhause nachh\u00f6ren, was gerade f\u00fcr Leute mit Problemen im Bereich HV sehr gut w\u00e4re. Auch der L\u00f6sungsschl\u00fcssel ist unter dem Aspekt der Lernerautonomie positiv zu vermerken.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Landeskunde und Plurizentrik:<\/span> Laut Impressum richtet sich die Rechtschreibung nach Deutschland und \u00d6sterreich. Das ist in Ordnung. Ein Hinweis auf die Hauptbesonderheit in der Schweiz (kein Eszett) w\u00e4re aber sinnvoll und w\u00e4re mir entgangen. Es kann sein, dass er irgendwo in den Landeskundeeinsprengseln (erkennbar durch die Flaggen der drei L\u00e4nder) auftaucht. Die scheinen aber etwas unmotiviert im Lehrwerk verteilt (Berufe ber\u00fchmter Deutscher im Kapitel einkaufen, Berufe ber\u00fchmter \u00d6sterreicher im Kapitel Freizeit).<br \/>\nZu den einzelnen Variet\u00e4ten findet man unterschiedliche Begr\u00fcssungen (Zuordnungs\u00fcbung im Kapitel Wohnen) und in den Kapiteln Einkaufen und Strassenverher findet man einige Austriazismen.<br \/>\nWie in den Lese- und H\u00f6rtexten mit landeskundlichen Elementen und den Variet\u00e4ten umgegangen wird, habe ich nicht \u00fcberpr\u00fcft (gerade die Audios sind auch noch nicht verf\u00fcgbar). In den Vokabelglossaren tauchen keine Hinweise auf die Variet\u00e4ten auf.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Viel von dem, was fehlt, kann eine gute und erfahrene Lehrperson selbst dazu erg\u00e4nzen. Gerade f\u00fcr Einsteiger fehlt aber noch einiges, was andere Lehrwerke der letzten Jahre integriert hatten und bieten. Laut Verlagshomepage soll im Sommer 2009 aber auch das Onlineportal mit Zusatzmaterial aufgeschaltet werden. Je nachdem werden einige der Desiderata dann noch erf\u00fcllt. Es muss ja nicht alles im Kursbuch stehen. V\u00f6llig neue L\u00f6sungsans\u00e4tze habe ich aber keine gesehen und habe somit auch keinen Grund, auf dieses Lehrmittel umzusteigen.<\/p>\n<p>Ob jemand das Lehrmittel ben\u00fctzen will, muss jeder selbst entscheiden und da man die Onlineversion durchbl\u00e4ttern kann, m\u00f6chte ich alle ermutigen, sich selber eine Meinung zu bilden. Auch \u00fcber\u00a0 Kommentare w\u00fcrde ich mich freuen. Ich finde aber auf jeden Fall, dass man auch geschenkten G\u00e4ulen ins Maul schauen soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wurde letzte Woche angefragt, \u00fcber eine DaF-Buchaktion zu schreiben. Der Achtung-Verlag verschenkt bis am 30. April insgesamt 25&#8217;000 Exemplare eines neuen Lehrmittels namens &#8222;Achtung Deutsch A1&#8220;. Im Beitrag findet ihr eine subjektive (und nicht vollst\u00e4ndige) Analyse des Angebots. <\/p>\n","protected":false},"author":24,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[159,11],"tags":[27,43],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/740"}],"collection":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/24"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=740"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/740\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1329,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/740\/revisions\/1329"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=740"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=740"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=740"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}