{"id":3107,"date":"2013-12-17T21:46:23","date_gmt":"2013-12-17T20:46:23","guid":{"rendered":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/?p=3107"},"modified":"2013-12-17T21:46:23","modified_gmt":"2013-12-17T20:46:23","slug":"aussprachenorm-und-ausspracheunterricht-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/2013\/12\/17\/aussprachenorm-und-ausspracheunterricht-in-der-schweiz","title":{"rendered":"Aussprachenorm und Ausspracheunterricht in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Dass sich die meisten Schweizer, wenn sie Hoch- bzw. Standarddeutsch sprechen, durch gewisse Aussprachemerkmale auszeichnen, ist wohl unbestritten. Weniger klar ist wohl den meisten, was die Aussprache des Schweizer Standarddeutsch genau ausmacht. Wer in der Schweiz mit im Handel verf\u00fcgbarem Material Aussprache unterrichtet hat (seien es in Lehrb\u00fccher integrierte \u00dcbungen oder spezifische Aussprachematerialien), stand wohl auch schon vor dem Problem, dass der vermittelte Standard entweder nicht der eigenen Aussprache oder nicht der des sprachlichen Umfelds entspricht, auch wenn es erfreulicherweise auch Lehrb\u00fccher gibt, die die Schweiz (und \u00d6sterreich) einbeziehen und Angaben zu dort g\u00fcltigen Varianten machen, wie es zum Beispiel in den drei B\u00e4nden von Dimensionen geschieht<\/p>\n<p>Letzten Endes muss man als Lehrperson immer selber entscheiden, welche phonetischen Themen man behandelt und ob das nur rezeptiv oder auch produktiv tut. Um mir und damit auch den Lesern meines Blogs einen \u00dcberblick dar\u00fcber zu verschaffen, welche Konventionen im Moment f\u00fcr die Aussprache der Schweizer Standardsprache festgehalten sind, habe ich die entsprechenden Angaben des DAW (= Krech, Eva-Maria; Stock, Eberhard; Hirschfeld, Ursula et al. (2010): <em>Deutsches Aussprachew\u00f6rterbuch. Mit Beitr\u00e4gen von Walter Haas, Ingrid Hove, Peter Wiesinger.<\/em> Berlin.) zur Aussprache in der deutschsprachigen Schweiz durchgearbeitet. Alle folgenden Kapitelnummern bzw. Seitenzahlen beziehen sich auf dieses Buch.<\/p>\n<p>Im Kapitel \u201eC. 2 Aussprachehinweise f\u00fcr die deutschsprachige Schweiz\u201c (S. 261-277) werden Varianten aufgef\u00fchrt, die im standardsprachlichen Repertoire gebildeter Deutschschweizer h\u00e4ufig vorkommen und die Verst\u00e4ndlichkeit nicht beeintr\u00e4chtigen, bzw. das phonetische System nicht ver\u00e4ndern (S. 262). Ich habe die dort gemachten Angaben zur Schweizer Aussprache in drei Kategorien eingeteilt:<\/p>\n<ol>\n<li>Ph\u00e4nomene, zu denen in im Handel verf\u00fcgbaren Aussprachematerialien \u00dcbungen angeboten werden, die in der Schweiz gar nicht, neben anderen Varianten oder anders realisiert werden.<\/li>\n<li>Ph\u00e4nomene, die in der Schweizer Aussprache vorkommen k\u00f6nnen, aber deren Realisierung nicht empfohlen wird, bzw. nicht zum \u00a0Standard gebildeter Sprecher geh\u00f6ren.<\/li>\n<li>weitere Ph\u00e4nomene, die f\u00fcr die Schweizer Aussprache typisch sein k\u00f6nnen, aber in keine der bisher genannten Kategorien fallen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Folgenden konzentriere ich mich auf die Ph\u00e4nomene der ersten Gruppe. Das sind:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Glottisschlag vor anlautendem Vokal<\/strong> (= Vokal am Anfang einer Silbe). In der Schweiz fehlt der Glottisschlag (auch Knacklaut genannt), ausser wenn die Silbe sehr stark akzentuiert ist (2.2.1, S. 262). D. h. dass in der Schweiz nicht immer klar zwischen \u201eim Moor\u201c und \u201eim Ohr\u201cunterschieden werden kann.<\/li>\n<li>das Merkmal <strong>ungespannt bei kurzen Vokalen <\/strong>ist nicht obligatorisch, das heisst, dass man in der Schweiz zum Beispiel <strong>&lt;e&gt;<\/strong> in rennen auch wie eine kurze Version des langen, gespannten <strong>[e\u02d0]<\/strong> in l<strong>e<\/strong>sen aussprechen kann oder das <strong>&lt;o&gt;<\/strong> in <strong>o<\/strong>ffen wie eine kurze Version des langen, gespannten <strong>[o\u02d0]<\/strong> wie in B<strong>o<\/strong>den. Die ungespannten, offenen Formen <strong>[\u025b] <\/strong>und <strong>[\u0254]<\/strong> sind selbstverst\u00e4ndlich auch m\u00f6glich, aber eben nicht nur (2.2.3, S. 262)<\/li>\n<li>Im Bereich <strong>Diphthonge<\/strong> ist in Bezug auf den zweiten, schw\u00e4cher betonten Vokal des Diphthongs eine gr\u00f6ssere Aussprache-Variation m\u00f6glich (2.2.5, S. 263).<\/li>\n<li>Im Bereich <strong>Vokalquantit\u00e4t<\/strong> bestehen bei einigen W\u00f6rtern und Suffixen Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland (d.h. langer Vokal in Deutschland \u2013 kurzer Vokal in der Schweiz bzw. umgekehrt. (2.2.6, S. 263)<\/li>\n<li>Die <strong>Auslautverh\u00e4rtung<\/strong> (z.B. das <strong>&lt;d&gt;<\/strong> in Hun<strong>d<\/strong> oder das <strong>&lt;g&gt;<\/strong> in m\u00f6<strong>g<\/strong>lich) kann nicht nur durch [p], [t], [k] realisiert werden, sondern auch durch die entstimmten Lenis-Plosive <strong>[b\u0325],<\/strong> <strong>[d\u0325]<\/strong>, <strong>[g\u030a]<\/strong> (2.3.2, S. 265). Das betrifft auch die s-Laute (2.3.3, S. 265). Die Tatsache, dass all diese Laute \u201eweich\u201c (also als Lenes), aber nicht stimmhaft gesprochen werden, signalisiert man im IPA \u00fcbrigens normalerweise mit einem Kreis \u00fcber bzw. \u00fcber dem Plosivsymbol, ich weiss aber nicht, ob das von allen Browsern korrekt dargestellt werden kann).<\/li>\n<li><strong>Merkmal stimmhaft bei Lenes<\/strong>: Die progressive Stimmlosigkeitsassimilation f\u00fchrt dazu, dass Lenes (prim\u00e4r <strong>[b]<\/strong>, <strong>[d]<\/strong>, <strong>[g]<\/strong> und <strong>[z]<\/strong>) in stimmhafter Umgebung (z.B. nach einem Vokal oder einem Nasal wie in \u201evo<strong>n<\/strong> <strong>d<\/strong>ir\u201c) stimmhaft, in stimmloser Umgebung aber entstimmt gesprochen werden (zum Beispiel nach stimmlos gesprochenen Konsonanten wie [s] oder [t], z.B. in \u201enich<strong>t<\/strong> <strong>d<\/strong>ir\u201c). In der Schweiz ist die entstimmte Variante aber in allen Kontexten m\u00f6glich (Belege siehe vorangehender Punkt).<\/li>\n<li>Die <strong>R-Vokalisierung<\/strong> wird in der Schweiz in der Regel in der Regel nicht durchgef\u00fchrt, das betrifft sowohl <strong>&lt;r&gt;<\/strong> nach langem Vokal als auch <strong>&lt;r&gt;<\/strong> \u00a0in Pr\u00e4- und Suffixen wie <em>er<\/em>leben, <em>ver<\/em>gessen, Vat<em>er<\/em>,<em> <\/em>begeist<em>ert. <\/em>Wenn nicht vokalisiert wird, wird das <strong>&lt;e&gt;<\/strong> in den unbetonten Pr\u00e4fixen als Schwa <strong>([\u0259]<\/strong>) oder ungespanntes <strong>[\u025b]<\/strong><em> <\/em>gesprochen, in den Suffixen als Schwa (2.3.4, S. 266 und 2.4.2 bzw. 2.4.5, S. 268).<\/li>\n<li><strong>Reduktion von unbetonten Silben: <\/strong>&lt;e&gt; in unbetonten Silben wird weniger stark reduziert als zum Beispiel im deutschen Standard. (2.43 bzw. 2.4.4, S. 268)<\/li>\n<li>In der <strong>Buchstabenverbindung &lt;qu&gt;<\/strong> kann die zweite Komponente nicht nur als entstimmtes [v], sondern auch als nicht silbisches, kurzes <strong>[\u028a]<\/strong> gesprochen werden (2.3.7, S. 266)<\/li>\n<li><strong>Frikative Aussprache von &lt;-ig&gt;<\/strong> : In der Schweiz wird diese Silbe typischerweise als <strong>[\u026ak]<\/strong> bzw. als <strong>[\u026ag\u030a]<\/strong> (mit entstimmtem [g]) ausgesprochen.<\/li>\n<li>Im Bereich<strong> Fremdw\u00f6rter <\/strong>werden zum Beispiel die Endungen von W\u00f6rtern franz\u00f6sischer Herkunft anders ausgesprochen als in Deutschland und in Fremdw\u00f6rtern mit <strong>&lt;v&gt;<\/strong> kommen oft sowohl <strong>[f]<\/strong> als auch <strong>[v]<\/strong> vor (2.5.1, S. 269f. bzw. 2.3.8, S. 287). Es gibt aber auch viele Einzelf\u00e4lle (2.5.2, S. 270).<\/li>\n<li>Auch beim <strong>Wortakzent<\/strong> gibt es viele von der deutschen Kodifizierung abweichende Einzelf\u00e4lle, die zum Teil auch innerhalb der Schweiz nicht einheitlich gehandhabt werden. Bei einigen Fremdwortsuffixen ist zum Beispiel sowohl die Betonung auf der ersten Silbe sowie die Akzentuierung des Suffixes m\u00f6glich, wie zum Beispiel bei <strong>&lt;-iv&gt;<\/strong>, <strong>&lt;-ismus&gt;<\/strong>, <strong>&lt;-ist&gt;<\/strong> (2.6, S. 270f.)<\/li>\n<\/ul>\n<p>In meinen Kursen fragen Lernende oft von sich aus nach der R-Vokalisierung, der Aussprache von &lt;-ig&gt; und der Stimmhaftigkeit der Lenes (insbesondere des s-Lauts). Themen, die den Lernenden selber auffallen, sind es meiner Meinung nach immer Wert, thematisiert zu werden, rezeptiv sowieso, da es sich um real existierende Aussprachevarianten handelt. Auch wer in der Schweiz lebt, wird mit der R-Vokalisierung konfrontiert und weil diese Person in der Schweiz lebt, wird sie auch mit nicht stimmhaft gesprochenen Lenes konfrontiert. Was den Bereich der Produktion betrifft, sollte man die pers\u00f6nliche Situation der Lernenden ber\u00fccksichtigen. Eine Rolle spielen zum Beispiel Ausspracheschwierigkeiten, aber auch pers\u00f6nliche Vorlieben oder Lebenspl\u00e4ne. Wer vorhat, sein ganzes Leben in der Schweiz zu verbringen, trifft vielleicht eine andere Entscheidung, als jemand, der hier nur ein Austauschsemester macht und nachher woanders weiter Deutsch lernt. Es spricht meiner Ansicht nach aber nichts dagegen, im Klassenzimmer verschiedene Varianten nebeneinander zuzulassen. Einerseits ist es den Lernenden so m\u00f6glich, die Aussprache zu finden, mit der sie am besten leben k\u00f6nnen und andererseits entspricht das Nebeneinanderexistieren von Varianten ja der \u201eWelt da draussen\u201c, auf die wir die Lernenden ja eigentlich vorbereiten wollen. Das gilt auch f\u00fcr die anderen oben angesprochenen Themen, die man aber sicher nicht alle einzeln thematisieren muss. Das Wissen darum lohnt sich aber, auch wenn das im Bereich Vokale und Wortakzent auch ganz einfach heissen kann, dass man z.B. im Variantenw\u00f6rterbuch oder auch im Duden nachschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Wichtig ist mir festzuhalten, dass eine perfekte Aussprache nur f\u00fcr die wenigsten Lernenden n\u00f6tig ist. Es ist wichtig, dass man \u00fcberhaupt einen Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen erkennt, nicht dass die Unterscheidungsmerkmale hundertprozentig dem Standard entsprechen. Das Wissen darum, dass auch innerhalb Standards\u00a0 Varianten existieren, kann Lernenden wie Lehrenden helfen, die Arbeit an der Aussprache entspannter und hoffentlich auch lustvoller anzugehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Beitrag geht es um Ausspracheph\u00e4nomene, die die in der Schweiz gar nicht, neben anderen Varianten oder anders realisiert werden als im deutschen Standard, der den meisten Aussprachematerialien zu Grunde liegt und wie man damit im Unterricht umgehen k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"author":24,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,187,7,181],"tags":[130,172,13,94],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3107"}],"collection":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/24"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3107"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3107\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3109,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3107\/revisions\/3109"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3107"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3107"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3107"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}