{"id":1663,"date":"2009-11-08T22:15:34","date_gmt":"2009-11-08T21:15:34","guid":{"rendered":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/?p=1663"},"modified":"2009-11-08T23:22:20","modified_gmt":"2009-11-08T22:22:20","slug":"verstandlichkeit-von-deutschlernenden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/2009\/11\/08\/verstandlichkeit-von-deutschlernenden","title":{"rendered":"Verst\u00e4ndlichkeit von Deutschlernenden"},"content":{"rendered":"<p>Im gemeinsamen europ\u00e4ischen Referenzrahmen f\u00fcr Sprachen kommt die Aussprache nicht als eigener Bereich vor, es gibt aber einige Deskriptoren, die mit der Aussprache im Zusammenhang stehen, zum Beispiel auf B1 den Deskriptor <em>&#8222;Ich kann mich ohne viel zu stocken verst\u00e4ndlich ausdr\u00fccken, mache aber Pausen, um das, was ich sage, zu planen oder zu korrigieren \u2013 vor allem, wenn ich l\u00e4nger frei spreche&#8220;<\/em>, der sich auf die Fl\u00fcssigkeit und das Setzen von Pausen bezieht.<\/p>\n<p>F\u00fcr Deutsch etwas konkretisiert werden Angaben zu Aussprache und Fl\u00fcssigkeit in &#8222;M\u00fcndlich&#8220; (Bolton, Glaboniat, Lorenz et al, Langenscheidt, 2008). Dort heisst es zum Beispiel f\u00fcr B1 im Bereich Aussprache: <em>&#8222;die Aussprache ist gut verst\u00e4ndlich, auch wenn ein fremder Akzent teilweise offensichtlich ist und manchmal etwas falsch ausgesprochen wird&#8220;<\/em>. F\u00fcr B2 heisst es im selben Bereich <em>&#8222;Hat eine klare, nat\u00fcrliche Aussprache und Intonation erworben&#8220;<\/em> (55). N\u00e4here Erkl\u00e4rungen dazu, was genau mit Aussagen wie &#8222;verst\u00e4ndlich&#8220; und &#8222;nat\u00fcrlich&#8220; gemeint ist, werden nicht gegeben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.sprechwiss.uni-halle.de\/kontaktinformationen\/mitarbeiterinnen\/ursula_hirschfeld\/\">Ursula Hirschfeld<\/a> hat in ihrer Habilschrift die phonetische Verst\u00e4ndlichkeit von Deutschlernenden untersucht. Die Daten stammen aus den Jahren 1987-89, vorgelegt wurde die Habilitation 1990 und 1994 wurde sie in der Reihe Forum Foneticum (Bd. 57) ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Untersuchung hat sie je eine Gruppe von deutschlernenden Studenten und Deutschlehrern mit anderer L1 einerseits von Phonetiklehrern, andererseits von sogenannten &#8222;naiven&#8220; H\u00f6rern beurteilen lassen. Beurteilt wurden abgelesene Aufnahmen von Texten, die die Lernenden bereits kannten. (Mehr zum Versuchsaufbau S. 86f.)<\/p>\n<p>Interessanterweise unterschieden sich die die Urteile der Experten von denjenigen der naiven H\u00f6rer zum Teil stark. Ein Sprecher, der von den Phonetiklehrern nur die Note 4 (1-5, 5 war die schlechteste Note) bekommen hatte, wurde zum Beispiel von 60% der H\u00f6rer gut verstanden. Die naiven H\u00f6rer beurteilten zudem die fremdsprachigen Deutschleher strenger als die Studenten und vor allem bei schw\u00e4cheren Leistungen gaben sie als Gruppe zahlreiche inkonsistente Beurteilungen ab. Die Einstellung zum Sprecher (also etwa &#8222;toll, dass man nach 8 Monaten schon so viel Deutsch kann&#8220; bzw. &#8222;ein Deutschlehrer sollte das schon besser k\u00f6nnen&#8220;) spielten f\u00fcr die Beurteilung der Verst\u00e4ndlichkeit also eine Rolle(89-94). Nicht nachgewiesen werden konnte hingegen ein Zusammenhang zwischen der Muttersprache und der Einsch\u00e4tzung der Verst\u00e4ndlichkeit (94-96).<\/p>\n<p>Ein Test zur Informations- und Behaltensleistung zeigte ein anderes Bild als die Einsch\u00e4tzung der naiven H\u00f6rer. F\u00fcr den Versuch wurden zwei Aufnahmen von je zwei laotischen Deutschlernern eingesetzt. Die H\u00f6rer erhielten nach der Pr\u00e4sentation der Aufnahme\u00a0 Fragen und Multiple-Choice-Antworten dazu.<\/p>\n<p>Beim Kontrollversuch mit einem deutschen Sprecher wurden maximal 24 von 26 m\u00f6glichen Antworten richtig gegeben (92.3%), die H\u00f6rer des leistungsst\u00e4rkeren Deutschlerners schafften durchschnittlich 65,8% (max. 76,9%) , die des schw\u00e4cheren durchschnittlich 49.2% und maximal 65.4% (S. 97) und das obwohl die beiden Sprecher (von anderen H\u00f6rern als gut und sehr gut verst\u00e4ndlich eingesch\u00e4tzt worden waren (S. 100).\u00a0 Bei der \u00dcberpr\u00fcfung kurzer zusammenh\u00e4ngender \u00c4usserungen (S\u00e4tze) zeigte sich noch einmal, dass die Einsch\u00e4tzung der Phonetiklehrer zur phonetischen Leistung nicht mit den H\u00f6rerurteilen zur Verst\u00e4ndlichkeit \u00fcbereinstimmt (102).<\/p>\n<p>Die Informationen des zweiten Teils wurden am besten wiedergegeben, die falschen Antworten beim ersten Teil interpretiert Hirschfeld als m\u00f6gliches Zeichen von Einh\u00f6rschwierigkeiten, diejenigen des dritten Teils als Indiz f\u00fcr das Nachlassen von Konzentrationsverm\u00f6gen und Aufmerksamkeit (S. 99).\u00a0 Weil die Aufmerksamkeit der H\u00f6rer auf die Form gelenkt wird und sie st\u00e4ndig korrigiern und rekonstruieren m\u00fcssen, was gesagt wurde, k\u00f6nnen die H\u00f6rer sich nicht voll auf den Inhalt konzentrieren. Evtl. spielen auch negative Reaktionen auf den schlecht verst\u00e4ndlichen Input eine Rolle (99-100).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Verst\u00e4ndlichkeit spielen vor allem Suprasegmentalia (z.B. Satz und Wortakzent, Rhythmisierung, Pausierung, Intonation etc.) eine wichtige Rolle. Der Satz &#8222;es regnet&#8220; mit Betonung auf der letzten Silbe (net) wurde nur von knapp der H\u00e4lfte der H\u00f6rer verstanden, derselbe Satz mit korrektem Akzent auf der Seilbe &#8222;re&#8220; von fast allen . Mit falscher Betonung meinten die H\u00f6rer z.T. v\u00f6llig andere S\u00e4tze wie &#8222;Ist sehr nett&#8220; oder &#8222;Willst du mit?&#8220; zu h\u00f6ren. Die H\u00f6rer haben also die Laute passend zu den wahrgenommen Suprasegmentalia &#8222;zurechtgeh\u00f6rt&#8220;. (S. 102f).\u00a0 Bei Einzelw\u00f6rtern konnte ein korrekt gesetzter Akzent deshalb auch als Korrekturmechanismus bei starken St\u00f6rungen auf der Lautebene dienen. (S. 119).<\/p>\n<p>Korrekt realisierte Vokale &#8211; insbesonder die Vokalquantit\u00e4t (also die Dauer der Realisierung) &#8211; tragen ebenfalls wesentlich zu Verst\u00e4ndlichkeit bei. (110f., 121, 124). Abweichungen bei den Konsonanten sind etwas weniger st\u00f6rend als bei Vokalen (S. 158).<\/p>\n<p>Hirschfeld schlussfolgert unter anderem, dass es nicht gen\u00fcgt, &#8222;phonetisch verst\u00e4ndlich&#8220; zu sprechen.\u00a0 In den Bereichen, die f\u00fcr die Wahrnehmung des H\u00f6rers besonders wichtig sind, sollte man m\u00f6glichst Normgereichtheit anstreben.\u00a0 Dazu geh\u00f6ren also vor allem die Bereiche Wort- und Satzakzent und die Realisierung des Vokals und der Konsonanten in der Akzentsilbe (160f).<\/p>\n<p>Die Erkenntnisse sind ja inzwischen wirklich nicht mehr neu. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass gerade Theoriekenntnisse im Bereich Aussprache bei DaF-Lehrern eher d\u00fcnn ges\u00e4ht sind (zumindest in meinem Schweizer Umfeld).\u00a0 In meinen fortgeschrittenen Kursen habe ich aber immer wieder Lernende, die wenig bis gar kein Aussprachetraining hatten und\u00a0 zum Beispiel nie f\u00fcr den Wortakzent sensibilisiert wurden und deshalb ganz viele W\u00f6rter falsch abgespeichert haben. In den fast 20 Jahren seit der Ver\u00f6ffentlichung der Habilitationsschrift\u00a0 hat sich zwar gerade in den Lehrwerken im Bereich Aussprache viel getan, aber ich denke, dass auch noch viel zu tun bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Beitrag enth\u00e4lt eingie wesentliche Punkte aus der Habiltationsschrift von Ursula Hirschfeld (schon fast 20 Jahre alt, aber inhaltlich immer noch interessant) zur Verst\u00e4ndlichkeit von Deutschlernenden. <\/p>\n","protected":false},"author":24,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,36,159,11,181],"tags":[253,251,254,123,252,255,100],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1663"}],"collection":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/24"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1663"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1663\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1668,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1663\/revisions\/1668"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1663"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1663"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/cornelia.siteware.ch\/blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1663"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}